«Namen sind ungeschriebene Geschichte»

Ingglasür

(Sevelen)

Ausgedehnte, schöne Hochweide im SĂŒden der Seveler Alp Inarin, an der Wartauer Grenze, in einer Mulde zwischen den drei Erhebungen Hurst1, Ferschmutchopf und Hurstchopf (wartauisch: TilsĂŒrspitz), auf 1750 bis 1950 m ĂŒ. M. gelegen, mit teils riedigen, abflusslosen Mulden (durch Verkarstung entstandene Einsturztrichter oder Dolinen), worunter ein kleiner See. Als Schreibform wurde Ă€lter auch GlasĂŒr verwendet. Woher mag der Name stammen? Wer deutsch denkt, dem fallen wohl die – sicher oder vermeintlich – sachfremden Begriffe «Glasur» oder «Klausur» ein – aber wo wĂ€re da ein Zusammenhang? Wir werden gleich mehr erfahren.

Auch ein sprachlicher Laie wird unschwer erkennen, dass der Name IngglasĂŒr im Kern romanisch ist und dass er zusammenhĂ€ngt mit der hier schon vielfach besprochenen Gruppe der romanischen Namen mit deutschem In- oder An- (auch: I-, E-, oder A-) - man erinnere sich an die FĂ€lle Amasis, InggeriĂ€ls, Afasteig, Impelwiza, Anggalrina, Amatnez, Amaschnun, Amasora, Iskafols, Elabria, Ampadeila, usw. (siehe «Archiv zur Rubrik Name des Monats»). Der hier wirkende sprachgeschichtlich bemerkenswerte Mechanismus ist auf unserer Webseite genau beschrieben worden, siehe unter: https://www.werdenberger-namenbuch.ch/werdenberg/sprache/vom-romanischen-zum-deutschen/deutsche-ortspraeposition-verbunden-mit-romanischen-namen/. Damit haben wir bereits einen ersten Deutungsschritt vollzogen, und wir können uns fortan auf den Namenkern /GlasĂŒr/ beschrĂ€nken (der von Wartau aus als /TilsĂŒr-/ ausgesprochen wird).

Das Seelein auf IngglasĂŒr. Bild: Hans Jakob Reich, Salez.

Zwar bieten die wenigen urkundlichen ErwĂ€hnungen des Namens keine neuen Erkenntnisse: 1782 JnglĂŒsĂŒr und 1787 Jnglasur sind die einzigen vorliegenden Belege, beide vermitteln offensichtlich den heutigen Sprachstand, abgesehen von kleinen, unbedeutenden Abweichungen, die wohl auf Fehllesungen oder -schreibungen beruhen.

Das stellt in diesem Fall aber die ErklĂ€rung des Namentyps nicht in Frage: sogar schon in den frĂŒhesten Analysen wird die richtige Deutung vorgeschlagen, ausgehend von lat. clausura ‘Verschluss’ – wenn auch mit unterschiedlichen sachlichen BegrĂŒndungen:

Der Werdenberger Lokalhistoriker David Heinrich Hilty setzt 1890 ein romanisches «clasur ‘Einschluss, Einfriedung’ an (‘Teil der Alp Inarin von Felsen eingeschlossen’).

Der St.Galler Theodor Schlatter (1903) wĂ€hlt «lat. clausura, nicht aber als ‘eingehagtes Feld’, sondern ‘ViehhĂŒrde’».

Die Werdenberger Lehrer und Heimatkundler U. Adank und J. C. Berger (1924) schreiben: «vielleicht ZufluchtsstĂ€tte fĂŒr die Viehhaben der Gegend in Zeiten von Kriegs- und RaubzĂŒgen, < lat. clausura ‘Einfang, ViehhĂŒrde’, soll einst Eigentum der Gretschinser gewesen sein».

Heinrich Gabathuler (1928 und 1944) entscheidet sich fĂŒr lat. clausura ‘Pferch’. Auch seither gilt diese Deutung als gesichert.

Welche sachliche BegrĂŒndung steht hier am nĂ€chsten?

Nach aussen wird die HochflĂ€che dieses Namens auf drei Seiten markant abgegrenzt: gegen SĂŒden fĂ€llt sie entlang der Wartauer Gemeindegrenze abrupt ĂŒber eine scharfe GelĂ€ndekante, die Wartauer Inheldi, ab. Gegen Westen steigt sie steil zum Grat zwischen Hurst und TilsĂŒrspitz an, ist also auch dort deutlich begrenzt. Gegen Osten fĂ€llt das Plateau gegen die Alpweide Implategg ab. Und auch gegen Norden, gegen Inarin zu, stösst die flache Mulde an einen steilen Weidhang. Die Vorstellung, der Name (lat. claususa ‘Verschluss’) beziehe sich auf das GelĂ€nde und seine deutlich abgegrenzte Umgebung insgesamt, lĂ€sst sich also leicht nachvollziehen.

Daneben kann es aber auch sein, dass clausura, rom. clasĂŒr(a) ‘Einschluss’ sich auf eine dort errichtete Einfriedung zum Schutz des Viehs bezog. Eine Entscheidung darĂŒber, was genau vor ĂŒber tausend Jahren die lokale Bevölkerung zur betreffenden Namengebung bewog, ist nicht mehr sicher zu fĂ€llen.

Dieselbe Stelle auf einer Àlteren Aufnahme; das Bild, aufgenommen vom Geologen Oskar Keller, Eggersriet, findet sich im Werdenberger Jahrbuch 1999, auf Seite 56.

Nachbemerkungen:

Eine Beziehung unseres Namens mit dem deutschen Begriff Glasur f. ‘glasartiger Überzug auf Metall und Töpferwaren, glĂ€nzender Überzug auf Backwaren, Zuckerguss’ braucht selbstverstĂ€ndlich nicht einmal in Betracht gezogen zu werden, und zwar nicht nur, weil das Wort erst seit dem 16. Jh. auftritt.

Dagegen ist die Verwandtschaft mit dem Wort Klausur(arbeit) ‘in verschlossenem Zimmer oder unter Aufsicht abzufassende PrĂŒfungsarbeit’ jedenfalls sehr wohl gegeben: Das in SchĂŒlerkreisen oft als unangenehm empfundene Wort entsprang seinerseits dem spĂ€tlat. clausura f. ‘Verschluss, Kastell, mittellat. auch ‘Einschliessung, geschlossener Raum, Zelle’, dt. Klausur f. ‘fĂŒr Aussenstehende gesperrter GebĂ€udeteil eines Klosters’. Insgesamt kreist der Ausdruck also um den Begriff des Einschliessens, Eingeschlossenseins, sei es von den Schafen, SchĂŒlern oder Mönchen – vielleicht auch mit Bezug auf die geografische Lage einer GelĂ€ndekammer.  

Zur Geologie des Alviergebiets sei hier noch besonders hingewiesen auf das Werdenberger Jahrbuch 1999, wo der Geologe Oskar Keller im fundierten Artikel «Die Natur der BergbĂ€che Werdenbergs» den Gebirgsbau, das Klima und die gestaltende Dynamik des EntwĂ€sserungsnetzes erlĂ€uterte und dabei (S. 55f.) auch die KarstentwĂ€sserung besonders beleuchtete, durch welche auch die riesige Doline auf IngglasĂŒr entstanden ist.

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