«Namen sind ungeschriebene Geschichte»

Amapfeder

(Gams)

Diesen schönen Namen – man sagt Amapfeäder – trägt ein Gut mit Wiesland am unteren Gamser Berg, auf 620-690 m ü. M. nordwestlich über dem Dorf, südlich von Münschenberg, hinter Eichlitten, zwischen Afagristbächli und Busterbach gelegen. Der Fall ist sprachlich, zumindest für den Fachmann, recht durchsichtig, was uns zu dieser Jahreszeit auch nur recht sein kann, gewissermassen zur hochsommerlichen Erholung – ein Name also, der uns nicht viel Kopfzerbrechen abverlangt.

Amapfeder reiht sich ein in die Galerie jener zahlreichen Namengebilde, die gerade in unserer Gegend stark verbreitet sind, bei denen dem romanischen Namen nach dem Sprachwechsel zum Deutschen das Wörtchen an oder in vorne angewachsen ist. Ich habe das eigenartige und sprachgeschichtlich ausserordentlich aussagekräftige mittelalterliche Phänomen auf unserer Webseite genau beschrieben: daher kann ich mich hier auf den Verweis beschränken: https://www.werdenberger-namenbuch.ch/werdenberg/sprache/vom-romanischen-zum-deutschen/deutsche-ortspraeposition-verbunden-mit-romanischen-namen/.

Als Kurzform hört man in der näheren Umgebung auch nur Pfeder – oder eben: Pfeäder, denn das betonte -e- wird ja hier echt werdenbergisch zu -eä- gebrochen. Diese Brechung oder Diphthongierung kommt ihrerseits nicht etwa aus dem Romanischen, sondern sie ist ein typisches Kennzeichen unserer hiesigen alemannischen Mundart, wo man eben Leärer ‘Lehrer’ sagt oder cheäre ‘kehren’. Aber sie wird ohne Unterschied auch auf unsere romanischen Namen ausgedehnt, was viel zu deren lautlicher Integration in unsere heimische Sprachwelt beiträgt.

Blick auf Gams und die Südflanke des Alpsteins. Das Berggut Amapfeder ist durch das rote Kreuzchen markiert. Bild: Hans Jakob Reich, Salez.

Schon beim Anblick der frühen Nennung im Gamser Gangbrief (nämlich 1462 muntfeder) wird dem Romanisten dämmern, worum es sich da handelt. Wer sich freilich mit der alten romanischen Landessprache nicht auskennt, wird beim urkundlichen Beleg vielleicht noch an das deutsche Wort Feder f. ‘Vogelfeder; Schreibfeder; elastische Vorrichtung’ denken. Allerdings muss auch ihn die Verbindung mit munt- wohl stutzig machen.

Nein, unser Name ist in seinem Kern durch und durch romanisch: munt m. ‘Berggut’ verbindet sich mit dem Adjektiv veder ‘alt’, er heisst also: ‘altes Berggut’, d. h. ‘Berggut, das seit langem genutzt wird’. Das bedeutet, dass die Örtlichkeit Amapfeder schon zu romanischer Zeit (also vor tausend Jahren) als alt-erschlossen galt, im Unterschied zu anderen, jünger freigerodeten Flächen. Derselbe Namentyp ist als †Montveder auch in den Gemeinden Grabs und Buchs urkundlich bezeugt, in beiden Fällen aber nicht mehr lokalisierbar, heute also unbekannt.

Wenn das Wort munt als Namenteil in unbetonter Silbe steht, dann wird es bei uns normal zu Mat- abgeschwächt: vgl. etwa rom. munt soura ‘oberes Berggut’, das zu Amasora Sevelen (älter *Matsora) wurde, oder Matug (Wartau) aus munt Hug ‘Berggut des Hug’. Rom. veder findet sich im Werdenberg auch im Namen Pafäder (Wartau: Kulturland in der Ebene zwischen Plattis und Lonnabühel): Hier liegt rom. pra(u) veder ‘alte (seit langem genutzte) Wiese’ vor.

Ausschnitt aus der Flurnamenkarte von Gams. Amapfeder liegt zwischen zwei Bächen. Werdenberger Namenbuch.

Mit der Integration der erwähnten Namen ins Deutsche wurde das romanische v- bei uns als f- ausgesprochen, gleich wie wir ja für Vaduz auch Faduz sagen und nicht Waduz, wie die Touristen. Und das Zusammentreffen von -t + v- in Matveder führte in deutschem Mund automatisch zu -pf- (Mapfeder), gleich wie wir etwa sagen Gopfrid (aus Gott-fried).

Zum Abschluss noch die Nebenbemerkung, dass rom. veder auf lat. vetus, veteris ‘alt (von Sachen)’ beruht, und dass von letzterem auch das Fremdwort Veteran m. ‘altgedienter Soldat’ herstammt.

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